Ondansetron trotz Rote-Hand Brief

Sonja2, Donnerstag, 13. Februar 2020, 15:56 (vor 49 Tagen) @ Sonja2

FORTSETZUNG

Und was die zweite Studie von Zambelli-Weiner et al. (2019) zu möglichen Fehlbildungen bei Ondansetron-Einnahme anbelangt: Möglicherweise lag einen Interessenskonflikt vor. Es steht die Frage im Raum, ob die Studie mit 210.000 $ von Klägern gesponsert wurde (3 Quellen, wobei ich die ersten beiden nicht auf Seriosität geprüft habe: Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3). Es könnte sein, dass Gelder von Anwälten flossen, welche die Interessen von Familien im Rechtsstreit mit der Pharmaindustrie vertreten. Familien mit Kindern mit Fehlbildungen erhoffen auf diesem Wege Entschädigung zu erhalten, weil ihr Kind eine Fehlbildung hat und die Mutter Ondansetron in der Schwangerschaft genommen hatte. Doch diese Fehlbildungen können eben auch Zufall sein und überhaupt nichts mit der Ondansetron-Einnahme zu tun haben. Wenn man diesen Prozess nun also gewinnen möchte, dann sollte man mit einer Studie aufwarten, welche einen Einfluss von Ondansetron auf das Fehlbildungsrisiko zeigt. Und so etwas nennt sich dann Interessenskonflikt, der in der Wissenschaft auch benannt werden muss.

Ich selber hatte Ondansetron verordnet bekommen, bevor es all diese Erkenntnisse gab. Das heißt, man wusste noch nicht, ob es nicht doch zu irgendwelchen auch größeren Fehlbildungen infolge der Ondansetron-Einnahme kommen könnte, denn die Datenlage war zu diesem Zeitpunkt noch im Vergleich zu heute relativ dünn. Es gab schon die ersten Studien, aber an vergleichsweise kleineren Gruppen. Das Ondansetron wurde bereits häufig in den USA eingesetzt, aber die systematische Erfassung fehlte. Mir war bewusst, dass mit der Ondansetron-Einnahme ein Risiko einhergehen könnte. Nicht dass man Hinweise darauf gehabt hätte - aber die Datenlage war einfach verglichen mit heute relativ schwach. Aber auf der anderen Seite standen die Risiken einer nicht ausreichend behandelten HG. Und diese ist auch nicht ungefährlich, weder für die Mutter noch für das Kind. Auch das musste ich selber leider erfahren. Insofern war das in der Risikoabwägung eine klare Entscheidung, die mehrere Ärzte hundertprozentig mittrugen.

Ich selber sagte mir: Wenn es so sein sollte, dass das Kind z. B. mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt kommt, dann ist das der Preis dafür, dass es dieses Kind überhaupt gibt. Denn ohne Ondansetron hätte ich die Schwangerschaft nicht durchgehalten – und zwar nicht nur psychisch, sondern auch körperlich. Manchmal zahlen wir einen Preis für unsere Kinder. Asthmatikerinnen und Frauen mit Epilepsie stehen vor ähnlichen Problemen. Wir, die wir das Pech haben, unsere Kinder nur nach HG-Schwangerschaften zu bekommen, haben Kinder, die in manchen Bereichen ein erhöhtes Risiko aufweisen. Fejzo zum Beispiel konnte zeigen, dass psychische Auffälligkeiten in dieser Gruppe häufiger sind. Analogien zur Hungerwinter-Forschung aus den Niederlanden legen nahe, dass auch körperliche Risiken aufgrund des miserablen Ernährungszustands der Mutter bei diesen Kindern häufiger sein könnten. Das ist der Preis, wenn man ein Kind nach einer HG-Schwangerschaft bekommt.

Dass ausgerechnet Du zu den 3 auf 10.000 Frauen gehörst, deren Kind - möglicherweise aufgrund des Ondansetrons - mit einer Kiefern-Gaumen-Spalte zur Welt kommt, das ist einfach extrem unwahrscheinlich. Mir selber hatte es geholfen, da einen ganz rationalen Blick darauf zu haben. Und vielleicht hilft es Dir auch, nun einfach ein wenig mehr über die Hintergründe zu wissen.

Ich wünsche Dir sehr, dass es leichter wird und die HG in ihrer Wucht abflaut. Ich selber war so ziemlich bis zur Geburt von der HG beeinträchtigt, aber es wurde Schrittweise leichter. Es war für mich ein Gang durch die Hölle: da ist die Vorhölle, dann das Fegefeuer und dann hat man das Zentrum durchschritten und es wird besser. Das wünsche ich Dir.

Alles Liebe, Sonja


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