Ondansetron trotz Rote-Hand Brief

Sonja2, Mittwoch, 19. Februar 2020, 18:16 (vor 43 Tagen) @ Simachma

Liebe Simachma,

das tut mir so leid für Dich, für Euch. Dass Du schwere Zeiten hinter Dir hast klang ja immer wieder in Deinen Beiträgen an, auch die Fehlbildungen hast Du ja mal erwähnt. Dass Euch diese Last mitgegeben wurde, das war mir neu. Ich kann nur erahnen, was das Euch abverlangt und wieviel Stärke es bedarf, ein solches Leben zu meistern.

Ich wollte nicht leichtfertig klingen bezüglich des Themas Behinderung. Selber hatte ich ja das große Glück, davon nicht betroffen zu sein. Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich bereits weiß, dass bei uns alles gut gegangen ist. Insofern rede ich mir leicht. Ich hoffe sehr, dass meine Worte nicht überheblich klingen, nur weil ich aus dieser glücklichen Position und einer gewissen Distanz auf die Schwangerschaft blicke.

In meinem Umfeld gab es von klein auf Behinderungen. Damit bin ich aufgewachsen. Damit hatte ich mich vor den Schwangerschaften viel beschäftigt. Für mich war das Schicksal. Die meisten Mütter versuchen die besten Voraussetzungen für Ihre Kinder zu schaffen. Und ja, es gibt auch jene Mütter, die Drogen konsumieren, die den Alkohol unterschätzen, die von den Zigaretten nicht loskommen … aber das ist ein kleiner Teil. Behinderungen passieren auch völlig ohne Drogen und Verschulden. Ein gesundes Kind ist ein großes Glück. Und wenn es anders kommt, dann kostet es viel Kraft. Ich hatte mir in den Schwangerschaften gesagt: „Es kann immer anders kommen. Wenn es anders kommt, dann war es nicht meine Schuld. Selbst wenn es anders käme aufgrund der Medikamente, die ich genommen habe, so war es doch in der Situation selbst die klügste Entscheidung, die Medikamente zu nehmen.“ Das war mein „Mantra“. Es war ein Mantra gegen die Schuld.

Viele Frauen mit HG fühlen sich schuldig. Sie fühlen sich schuldig, weil sie ihre bereits geborenen Kinder nicht versorgen können, weil sie sich „so anstellen“, weil der Haushalt im Chaos versinkt, weil die Kollegen ihre Aufgaben übernehmen müssen, weil sie ihren ungeborenen Kindern schaden könnten … Und leider findet aus meiner Sicht im medizinischen Versorgungssystem viel zu wenig Entlastung auf dieser Schuld-Ebene statt. Stattdessen erfolgen Zuschreibungen seitens der Schwestern im Krankenhaus („Sie müssen etwas essen, das ist sonst nicht gut für das Kind“, „Wenn sie weinen schadet das dem Kind“, „Jetzt freuen sie sich mal, das ist viel besser für das Kind“ …), Unterstellungen seitens der Ärzte, dass das Kind abgelehnt wird (und dann angeblich aufgrund der unbewussten inneren Ablehnung legt die Schwangere ein schädliches Verhalten an den Tag legen …), also mehr oder weniger offene Vorwürfe der Unverantwortlichkeit … Das Forum ist voll mit solchen Schuldzuweisungen, von denen die Betroffenen berichten. Das ist nicht hilfreich.

Es kann zu einer Behinderung kommen. Das ist, was jede Schwangere fürchtet. Aber es ist dann, wenn es so kommt, nicht ihre Schuld. Ich persönlich vermute auch, dass wir mehr Schaden anrichten können, wenn wir keine Medikamente nehmen und dem enormen körperlichen und psychischen Stress der HG ausgesetzt sind und in Mangelernährung und Dehydration die Schwangerschaft durchleben. Das ist eine Vermutung, für diese These gibt es natürlich Daten, die diese unterstützen, aber keine Belege. In einer Welt, in der die Dramatik der HG zumeist nicht wahrgenommen wird („die Patientin ist wohlauf“) findet keine Risikoabwägung in der Form statt, dass man eine dramatische reale HG mit den theoretischen Risiken einer Medikation abwägt. Die Dramatik und die Auswirkungen einer unbehandelten HG müssten stärker in den Vordergrund rücken aus meiner Sicht. Das wäre unsere Aufgabe.

Liebe Simachma, ich freue mich immer sehr über Deine Beiträge. Danke für diese Bereicherung.

Alles Liebe, Sonja


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